Rückblick auf den Bündnistag 2025: Topthema Fachkräfte für die stationäre Kinder- und Jugendhilfe
Nach der erfolgreichen Premiere 2024 veranstalteten wir am 23. Mai 2025 wieder einen Bündnistag. Vor Ort beim VEK Verband Evangelischer Kindertageseinrichtungen in Schleswig-Holstein setzen wir dieses Jahr das Thema „Ziel 7.0 | Fachkräfte für die stationäre Kinder- und Jugendhilfe“. Expert* innen zum Schwerpunkt aus dem gesamten Bundesgebiet lieferten wichtige Impulse und erläuterten in Workshops Best Practise-Beispiele. Rund 60 Menschen nahmen daran teil.
In den Workshops gab es einen Austausch zu folgenden Themenn mit unterschiedlichen Referent*innen:
# Zertifikatskurse Fortbildungen für Quereinsteiger*innen
Anna Nikitin | Paritätischer Wohlfahrtsverband Berlin & Murat Baydas | Paritätischer Wohlfahrtsverband Schleswig-Holstein
# Weiterbildung zur Heimerzieher*in
Janett Friese | Institut für berufliche Aus- und Fortbildung Rendsburg & Nicole Schenk | Norddeutsche Gesellschaft für Diakonie
# Beschäftigung von Nicht-Fachkräften über Leistungsvereinbarung
Joachim Decker & Volker Stock | Diakonisches Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz & Phillip Diestel | Diakonisches Werk Schleswig-Holstein
# Passgenaue Bezahlung: Niedersachsens Modell BerTaPErs
Roger Röttger | Jugendamt, Landkreis Wolfenbüttel & Hasko Facklam | Kinder- und Jugendhilfe-Verbund Lübeck
In der abschließenden Podiumsdiskussion wurden zunächst die Ergebnisse der Workshops präsentiert. Anna Nikitin und Murat Bayras stellten beim Thema Quereinstieg heraus, dass die Finanzierungsfragen vorab zu klären sind, individuelle Prüfungen – auch online – möglich gemacht werden wollten. Die fachlichen Eignungen durch die Einrichtungsleitungen sind von zentraler Bedeutung. Wünschenswert wäre ein rechtlicher Rahmen bundesweit bzgl. der Definition des Quereinstiegs.
Janett Friese und Nicole Schenk stellten die Maßnahme kirchlich anerkannte(r) Heimerzieher:in in ihrem Workshop vor. Es besteht ein großes Interesse von Seiten der Träger. Die Ausbildung in Teilzeit ist ein wichtiges Thema. Eine
Vergleichbarkeit zur Ausbildung „Staatlich anerkannten Erzieher:in“ ist allerdings nicht gegeben. Gewünscht wird eine frühere Teilanerkennung durch die Heimaufsicht für die kirchlich anerkannten Heimerzieher:innen.
Joachim Decker und Volker Stock berichteten in ihrem Workshop zur Beschäftigung von Nicht-Fachkräften über Leistungsvereinbarung zunächst über die Ausgangslage vor Ort für das Diakonische Werk in Berlin und Brandenburg. Sie war ähnlich wie in Schleswig-Holstein. Es ist gelungen, in die Verhandlung hineinzukommen. Was nehmen beide vom Austausch mit den schleswig-holsteinischen Kolleg:innen mit? Die Verhandlungen über einen Landesrahmenvertrag laufen. Manches wurde den Verhandlern in Brandenburg etwas leichter gemacht. Wichtig ist grundsätzlich, die Kinderrechte zu sichern. Der Betreuungsschlüssel in Berlin liegt jetzt bei jetzt 5,88 zu 10.
Roger Röttger vom Jugendamt im Landkreis Wolfenbüttel stellt das niedersächsische Bezahlungsmodell BerTaPErs vor. Es fand großen Anklang.
Röttger sieht eine Problemstellung durch die Festlegung des Personalschlüssels in der KJVO. In Niedersachsen wird anhand des Leistungsangebotes verhandelt.
Der Präsentation der Workshopergebnisse schloss sich eine Podiumsdiskussion an. Die Workshop-Moderator:innen diskutierten mit Prof. Carmen Hack von der Fachhochschule Kiel, Jan Ermoneit, Fachkraft im Kinder- und Jugendhaus St. Josef in Bad Oldesloe und Lutz Regenberg, Diakonie Nord-Nord-Ost und Sprecher des Aktionsbündnisses. Schwerpunkte der Diskussion waren mit Blick auf den Schwerpunkt „Fachkräfte in der stationären Kinder- und Jugendhilfe“ die Themen „Motivation“, „Herausforderungen“ und „Wünsche“. Video-Einspieler von Fachkräften aus den Mitgliedsunternehmen des Bündnisses ergänzten die Diskussion.
Jan Ermoneit, gelernter Bäcker, stellte heraus, dass er dankbar ist, die Möglichkeit des zweiten Bildungsweges in der Heimerziehung bekommen zu haben. Prof. Carmen Hack machte deutlich, dass gute Betreuung und die Motivation von Mitarbeitenden in der stationären Hilfe entscheidend von einer guten Teamkultur abhängen. Erforderlich seien klare Strukturen, die das ganze Betreuungssystem tragen. Das setzt eine gute Ausstattung und gute Rahmenbedingungen voraus.
Lutz Regenberg machte deutlich, dass der Betreuungsschlüssel erhöht werden muss. Roger Röttger äußerte, dass eine ausreichende Personalausstattung der entscheidende Faktor für motivierte Mitarbeitende ist. Personal und Arbeitsklima haben in diesem Zusammenhang eine herausragende Bedeutung. Dem stimmte Anna Nikitin zu und betonte, dass unbedingt ausreichend Zeit für den Austausch in den Betreuungsteams nötig und dies der Schlüssel für eine hohe Motivation sei.
Jochen Decker verwies darauf, dass für die Verhandlungen relevant ist, wie das jeweilige Jugendamt aufgestellt ist. Das Grundverständnis ist wichtig, dass es sich zwischen öffentlichen und freien Trägern um eine partnerschaftliche Zusammenarbeit handelt.
Beim Thema „Herausforderungen“ stellte Roger Röttger dar, welche negative Wirkung mangelnder Austausch haben kann. Ohne gemeinsamen Austausch gehe es nicht und das gemeinsame Agieren im Verbund auch nicht. Röttger sprach von einer Leidensgemeinschaft zwischen öffentlichen und freien Trägern, die auf Augenhöhe miteinander agieren sollten.
Prof. Carmen Hack ergänzte, dass die Studierenden im Bereich der Sozialen Arbeit überhaupt kein Problem haben, einen Job zu finden. Weiterhin äußerte sie, dass es nicht genügend stationäre Plätze gibt. Durch die derzeitigen Rahmenbedingungen würde die „Systemsprenger“ von morgen generiert.
Anna Nikitin stellte heraus, dass es zwingend notwendig sei, viel genauer auf die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen schauen. Besonders wichtig sei es, den Bürokratieaufwand bzgl. der Quereinstiegsmöglichkeiten zu reduzieren.
Lutz Regenberg richtet den Fokus auf die Beziehung zwischen der Fachkraft und dem Kind und zu den Fallzuständigen im Jugendamt. Hinzu käme als weitere Herausforderung, der eigene Anspruch der Fachkraft an sich selbst. Die strukturellen Rahmenbedingungen müssen angepasst werden.
Abschließend gefragt nach den Prioritäten für eine Verbesserung in der stationären Kinder- und Jugendhilfe gab es unterschiedliche Antworten:
Jan Ermoneit stellte heraus, dass die Sicht der Kinder und Jugendlichen stärker in den Fokus zu stellen sei.
Für Volker Stock ist entscheidend, die Verhandlungen nicht mit dem Blick auf die Zahlen zu beginnen, sondern zuerst die Bedarfe zu ermitteln und zu bestimmen, was eine Wohngruppe und ihre Fachkräfte leisten müssten. Daraus ergebe sich dann der quantitative Bedarf an Stellen.
Prof. Carmen Hack regte an, ein Leitbild „Fachkraft im stationären Bereich“ zu ermitteln und die genaue Arbeit in der stationären Kinder- und Jugendbetreuung so zu fixieren.
Roger Röttger rief dazu auf, den Rahmenvertrag voranzubringen.
Jochen Decker stellte heraus, dass die Jugendhilfeausschüsse gute Ansprechpersonen seien. Es ist wichtig die Leistungsvereinbarungen genau zu betrachten und die daraus resultierenden Grenzen deutlich aufzuzeigen.
Die Mitarbeiter:innen gelte es zu beteiligen. Zudem verwies er auf die Hauswirtschaftskräfte, die als Nicht-Fachkräfte das Fachkräftesystem enorm bereichern.
Aus dem Publikum kamen abschließend einige weitere Hinweise – u. a. zur Bedeutung der Multiplikator:innen und Fürsprecher:innen aus dem politischen Raum.